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Interview

Alexandra Osmers über den Neustart inmitten der Krise

20 Jahre lang leitete Alexandra Osmers Network PR, eine der bekanntesten Kommunikationsagenturen im deutschsprachigen Raum. Ausgerechnet in der Hochphase von Corona entschloss sie sich, der Agenturwelt den Rücken zu kehren und startet nun mit The Communication Architects ein neues Unternehmen. Wir sprachen mit ihr über Veränderung und den Umgang mit neuen Situationen.

 

FCG: Ist ein Neustart inmitten einer Krise nicht ein riskantes Unterfangen?

 

Alexandra Osmers: Eine nicht seltene Reaktion auf meine neue Unternehmung war tatsächlich etwas in Richtung „Chapeau, dass Du Dich das traust“, das hat mich ehrlich überrascht. Denn das eigentliche Risiko ist doch die Krise selber und nicht der Neustart. Es geht um ein simples Abwägen des Verharrens in einer Situation gegenüber den Chancen, die sich aus einer Veränderung ergeben.

 

FCG: Also war es ein guter Zeitpunkt?

 

Alexandra Osmers: Ich würde sagen, er war sogar ideal. Alle Bedenken hinsichtlich der Branche oder unserer Tätigkeit hatte ich schon weit vor Corona. Als die Krise dann kam, war das eher wie ein Paukenschlag und die Bestätigung, dass all diese Themen in ihrer Intensität und Umwandlung jetzt deutlich an Fahrt aufnehmen werden. Höchste Zeit also, die Segel neu zu setzen und eine andere Richtung einzuschlagen.

 

FCG: Veränderung als Antwort auf Veränderung?

 

Alexandra Osmers: Unbedingt! Es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen drastisch zu werden, aber wenn’s im Gebälk knirscht, hilft es nicht ein paar weitere Nägel einzuschlagen. Allzu langes Zögern oder halbgare Neuerungen ändern die eigentlichen Missstände ja nicht und erweisen sich spätestens beim nächsten Sturm als fatal.

 

FCG: Aber ist es bei Sturm nicht ratsam erst einmal abzuwarten, bis er vorüberzieht?

 

Alexandra Osmers: Sicherlich, allerdings gleicht unser Sturm eher einem Orkan, der unsere schön geglaubte Ordnung schon jetzt gehörig umgepflügt hat und eine Vielzahl von Änderungen mit sich brachte, die nicht mehr umkehrbar sind. Viel entscheidender aber ist der Umstand, dass wir auf längere Sicht überhaupt nicht aus dem Tiefdruckgebiet herauskommen werden.

 

FCG: Mit den bevorstehenden Lockerungen und voranschreitenden Impfungen könnte doch aber jetzt eine Wende und die Rückkehr zu einer neuen Normalität eintreten?

 

Alexandra Osmers: Richtig, dazu müssen wir allerdings begriffen haben, dass die neue Normalität mit entsprechenden Neuerungen einhergeht, die sich u.U. negativ auf mein Geschäftsmodell oder die Sicherheit meines Jobs auswirken. Und wir müssen akzeptieren, dass die Veränderung an sich ein fester Bestandteil der neuen Normalität sein wird.

 

FCG: Das klingt drastisch?

 

Alexandra Osmers: Nicht unbedingt, im Grund genommen ist es erst einmal die Summe aller derzeitig herrschenden Strömungen und Prognosen. Die eigentliche Frage ist also nur, wie ich damit umgehe.

 

FCG: Nämlich?

 

Alexandra Osmers: Im ersten Schritt geht es darum, die Veränderungen zu akzeptieren. Natürlich kann man glauben, dass Veränderungen nicht so massiv und nicht so schnell kommen werden, aber das ist eine von Angst getriebene und nicht auf Logik basierende Denkweise. Und: sie kostet viel mehr Energie als selber ins Tun zu kommen. Besser man stellt sich seinen Ängsten und macht sich die Worst Case Szenarien bewusst: was bedeutet es, wenn Menschen morgen nur noch nachhaltig konsumieren? Welche Auswirkungen hat es, wenn der stationäre Handel mehr und mehr von digitalen Plattformen abgelöst wird? Welche Konsequenz hat es, wenn die Nachfrage für meine Dienstleistung in Zukunft sinkt und ich meinen Job verliere? Sich bewusst zu machen, was schlimmstenfalls eintreten kann, gibt größere Sicherheit und versetzt einen in die Lage, neu planen und handeln zu können. Falls es am Ende nicht (ganz) so schlimm kommt, prima, aber sollte von den Szenarien auch nur eine einzige eintreten, kann ich entweder sofort reagieren oder habe bestenfalls schon vorher alle notwendigen Veränderungen eingeleitet.

 

FCG: Die unterschiedlichen Ebenen der Veränderung sind den Menschen doch aber bewusst und werden bearbeitet. Besteht da überhaupt so ein zeitlicher Druck?

 

Alexandra Osmers: Wenn uns Corona eines gelehrt hat, dann doch eindeutig den Umstand, wie schnell und massiv Veränderungen kommen und wirken können. Es mag sein, dass wir in einigen Bereichen am Ende mehr Zeit haben werden, sich aber darauf zu verlassen, ist eine wenig vielversprechende Strategie.

 

FCG: Und welches ist die Strategie, um mittelfristig wieder Wachstum generieren zu können?

 

Alexandra Osmers: Ich glaube, dass Unternehmen neue Geschäftsmodelle brauchen und dass diese vor allem unabhängiger vom Wachstum aufgebaut sein müssen. In Zukunft wird es mehr um Austausch, materiell sowie soziologisch, und um Ausgleich zwischen Menschen und Umwelt gehen. Es ist unbestreitbar, dass viele Bereiche sich in einer Schieflage befinden und dass die jeweiligen Probleme bereits seit geraumer Zeit schwelen. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass uns in den nächsten Monaten und Jahren noch einige weitere Themen ins Haus stehen, so dass ein dynamischer Wandel zum natürlichen Bestandteil erfolgreicher Organisationen werden muss.

 

FCG: Wie definiert sich damit Erfolg?

                   

Alexandra Osmers: Erfolg hat, wer in der Lage sein wird, inhaltlich, soziologisch als auch ökonomisch relevant zu bleiben und: sich Veränderungen wie gesagt schnell anpassen kann. Mit Blick auf eine Vielzahl der aktuell tätigen Betriebe und Unternehmen wird das allerdings nur durch entsprechende Innovation erreichbar sein. Dem Thema Innovation sollte somit eigentlich die höchste Aufmerksamkeit eingeräumt werden, aktuell vorherrschend sind jedoch oftmals immer noch Kostenreduktion und die Steigerung von Produktivität. Um hier nachhaltige Veränderung zu erzielen, braucht es meiner Meinung nach weniger Management und mehr Leadership und Visionäre.

 

FCG: Aber was, wenn man scheitert, trotz aller Voraussicht und allem Bemühen?

 

Alexandra Osmers: Dann steht man einfach wieder auf! Und probiert eine andere Richtung oder biegt unterwegs woanders ab. Auch die Angst vor dem Scheitern ist nur ein weiteres Worst Case Szenario, dessen Grauen sich auflöst, wenn man es einmal durchgespielt hat. Scheitern ist ein wesentlicher Bestandteil des Ausprobierens und wir müssen – insbesondere in Deutschland – endlich mal von dieser vermeintlichen Schmach wegkommen, die keine ist. Wer scheitert, hat wenigstens etwas versucht und allein das verdient Anerkennung! Und je mehr ich anschiebe und verändere, desto größer die Chance, dass ich nicht auf allen Ebenen Erfolg haben werde. So what? Die gute Nachricht ist, dass Veränderung wie ein Muskel ist, der stärker und besser wird, je mehr ich ihn trainiere.

 

FCG: Dann wird alles besser, je mehr wir uns verändern?

 

Alexandra Osmers: Das weiß niemand, aber es gibt in diesem Zusammenhang ein Zitat von Georg Christoph Lichtenberg, das ich genau so unterschreiben würde: „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

 

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