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4. Nov. 2026

Zwischen Handwerk, Handel und Laufsteg kennt sich in Irland kaum jemand so gut aus wie Edmund Shanahan, den man in der Modeszene des Landes nur “Eddie” nennt. Als Vorstandsvorsitzender des Council of Irish Fashion Designers (CIFD) engagiert er sich für die irische Branche, und als Mitglied des Advisory Boards der European Fashion Alliance (EFA), zu der auch der Fashion Council Germany gehört, bringt er diese Perspektive auf europäischer Ebene ein.

Eddies Erfahrung reicht weit zurück: Neun Jahre lang war er Director of Merchandising & Marketing beim renommierten Kaufhaus Arnotts; heute berät er Designer:innen, Hersteller:innen und Händler:innen in Mode, Accessoires und Homeware und begleitet sie von der Produktentwicklung bis zur Produktion.

Wir haben mit Eddie über Irlands Mode zwischen Tradition und Moderne gesprochen, über die Unterstützung, die junge Designer:innen am dringendsten brauchen, und darüber, warum die EFA für ihn das Beste ist, was der Branche passieren konnte.


Traditioneller irischer Strick – neu interpretiert von CIFD Member Pearl Reddington
Traditioneller irischer Strick – neu interpretiert von CIFD Member Pearl Reddington

Eddie, was bedeutet europäische Mode für dich?

Für mich zeichnet sich europäische Mode dadurch aus, dass Tradition, Handwerkskunst und Innovation genutzt werden, um sowohl den kulturellen als auch den wirtschaftlichen Beitrag zur Gesellschaft maßgeblich zu fördern.


Und was macht gerade die irische Mode besonders? Was unterscheidet sie von anderen europäischen Modeszenen?

Sie zeichnet sich durch eine reiche Erzähltradition und handwerkliches Können aus. Die Mode in Irland ist ein Sektor, der gerade ein Momentum erlebt, denn er vereint traditionsreiche Labels mit aufstrebenden, designgetriebenen Marken. Die Branche folgt einem von Natur aus nachhaltigen Ansatz: kontrollierte Produktionsmengen, hochwertige Stoffe und Verarbeitung, eine Philosophie, die dafür steht, weniger, aber besser zu kaufen – als Gegenmittel zu Fast Fashion. Es ist inspirierend, dass die wunderschönen traditionellen Stoffe, Garne und Geschichten aktuell eine neue Generation irischer Designer:innen inspirieren.


Irlands Modeerbe – zum Beispiel die Arbeiten von Sybil Connolly, “Dublin’s Dior” – spielt für junge Designer:innen also durchaus eine Rolle?

Sybil Connolly ist ein herausragendes Beispiel für irische Fantasie, Kreativität und Handwerkskunst. Ich bin stolz darauf, dass der Council of Irish Fashion Designers mit dem Hunt Museum bei Fundraising- und Öffentlichkeitsprojekten zusammengearbeitet hat und das weiterhin tut, um das Archiv ihrer Arbeiten zu schützen. Das ist zweifellos ein Gewinn und eine Inspiration für junge Designer:innen. Wirklich erfreulich ist aber gerade, zu sehen, wie diese Nachwuchstalente den „Staffelstab“ übernommen haben: Sie verwenden Stoffe wie Leinen und wunderbare irische Tweeds und interpretieren sie für zeitgenössische Mode neu. Ich denke dabei an Marken wie Kindred of Ireland, Jennifer Slattery, die Linen Shirt Company, Urban Aran und Pearl Reddington. Sie alle greifen Traditionen auf, behandeln sie aber nicht bloß als Geschichte, sondern als Grundlage für eine zeitgenössische Kollektion.

Wo Tradition auf Modere trifft: Ein Look von Urban Aran, handgefertigt mit irischer Wolle
Wo Tradition auf Modere trifft: Ein Look von Urban Aran, handgefertigt mit irischer Wolle

Was brauchen junge Designer:innen in Irland am dringendsten: Förderung, Mentoring, Produktionsunterstützung – oder etwas ganz anderes?

Irland hat nur sehr wenige Produktionsstätten. Als Inselstaat müssen wir für die Fertigung häufig ins Ausland gehen, was die Kosten von der Kollektionsentwicklung bis zur Produktion erheblich in die Höhe treibt. Wir müssen also wieder Produktionsstätten in Irland aufbauen. Das ist wahrscheinlich unsere größte Herausforderung. Zwischen „fashion business“ und „business of fashion“ liegt mehr als nur ein feiner Unterschied, und ich denke, wir müssen unsere Designer:innen breiter in Letzterem ausbilden, also im unternehmerischen Teil der Mode. Zu viele Absolvent:innen verlassen die Hochschule mit wenig Wissen über die wirtschaftliche Seite der Branche und darüber, welche Kosten und Prozesse mit dem Aufbau einer Marke verbunden sind. Ich weiß, dass das nicht nur in Irland so ist, aber viele neigen dazu, Kreativität und Kommerz als Gegensätze zu betrachten. Es würde helfen, wenn sie schon vor dem Studienabschluss entsprechendes Mentoring bekämen. Und es würde auch helfen, wenn unsere staatlichen Stellen mehr Fachwissen darüber hätten, welchen Beitrag Mode zur Wirtschaft leisten kann.


Und welchen Rat würdest du selbst jungen Designer:innen geben, die heute ein eigenes Label aufbauen möchten?

Der beste Rat, den ich jungen Designer:innen geben kann: Nach dem Studium ein bezahltes Praktikum bei einer etablierten Marke machen! So lernen sie den saisonalen Rhythmus und den Alltag der Markenentwicklung kennen. Sie lernen viel, wenn sie Fabriken besuchen und fragen, wofür die verschiedenen Maschinen da sind. Das macht sie zu besseren Designer:innen. Wenn ich mit jemandem arbeite, der gerade das Studium beendet hat, gibt es so vieles, was diese Person noch nicht weiß, und genau dafür wäre ein Praktikum wirklich wertvoll. Es gibt praktische Einblicke in das echte Geschäft der Mode.


Seit Jahren organisierst du Showcases, Panels und Präsentationen. Wie wichtig sind solche zugänglichen Formate für Designer:innen, und wie siehst du die Zukunft von Fashion Weeks und Shows insgesamt?

Wir nutzen Showcases und Kooperationen mit sorgfältig ausgewählten Partnern, um Bekanntheit aufzubauen und Umsatz zu generieren. Das ist ein sehr praktischer Ansatz, und er bedeutet meist, öffentlich zugängliche Events zu schaffen, um neue und relevante Zielgruppen zu erreichen. Wir arbeiten mit Partnern wie Fünf-Sterne-Hotels zusammen und veranstalten zum Beispiel Fashion-Afternoon-Teas, aber auch mit Museen und mit großen Unternehmen. Zuletzt haben wir mit der irischen Zentralbank ein Benefizevent veranstaltet. Für die beteiligten Designer:innen erzielen wir dadurch deutliche Folgeumsätze im Onlinehandel. Eine Reihe solcher Events ist Teil unseres Jahresprogramms. Außerdem arbeiten wir mit irischen Botschaften zusammen, um irische Mode im Ausland zu fördern. Im kommenden Februar wird zum Beispiel unser Botschafter in Paris zum dritten Mal einen besonderen Abend mit 15 unserer Mitglieder ausrichten, bei dem sie Vertreter:innen des französischen Handels und Medien kennenlernen. 


Du setzt dich außerdem stark für die Zusammenarbeit von Designer:innen und Handwerker:innen ein, zum Beispiel mit Glaskünstler:innen oder bei irischem Leinen und irischer Spitze.

Das stimmt, wir haben mehrere Projekte umgesetzt, bei denen wir eine Gruppe von Modedesigner:innen zusammenbringen und ihnen per Los Künstler:innen oder Handwerker:innen zuordnen. Der Hauptzweck ist es, Kreativität und Offenheit zu fördern. In diesen Projekten gibt es keine Hierarchien: Die Modedesigner:in steht auf einer Ebene mit der Künstler:in oder Handwerker:in. Wir haben festgestellt, dass die Beteiligten lernen, Handwerk und handwerkliches Können zu respektieren, und neue Techniken zu erfahren. Danach sind sie viel offener dafür, ihre Vorstellungen davon zu überdenken, wohin sich ihre Marken entwickeln. Hinzu kommt eine beachtliche Aufmerksamkeit: Aus unserem jüngsten Projekt hat das Ulster Museum einige Stücke für seine Ausstellung gekauft. Und beim allerersten Projekt waren wir am Tag nach dem Launch auf den Titelseiten der nationalen Zeitungen – das wertet Mode und Handwerk auch in den Augen der Öffentlichkeit auf. 

CIFD Member bei einer Charity-Ausstellung in Partnerschaft mit der Zentralbank von Irland
CIFD Member bei einer Charity-Ausstellung in Partnerschaft mit der Zentralbank von Irland

Wie geht es mit dieser Initiative weiter?

Das nächste Projekt steht gerade in den Startlöchern: Es beginnt mit einem Workshop, bei dem alle Teilnehmenden zusammenkommen. Danach werden sie per Los zugeordnet und haben ein paar Monate Zeit, gemeinsam ein Accessoire oder ein Kleidungsstück zu fertigen. Allen macht der Prozess Freude, und anschließend gibt es als Lohn vielleicht noch eine Berichterstattung in den nationalen Medien.


Und was beschäftigt dich und den Council of Irish Fashion Designers darüber hinaus aktuell am meisten?

Tatsächlich geht es uns aktuell vor allem darum, mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein für die Branche zu schaffen. Das ist eine kontinuierliche Aufgabe, in der wir uns weiter verbessern müssen. Gleichzeitig möchte ich mich dafür einsetzen, dass kleine Unternehmen (SMEs) stärker berücksichtigt werden – gerade jetzt, da in Europa zahlreiche neue Regulierungen auf den Weg gebracht werden, deren Notwendigkeit ich durchaus anerkenne. Dennoch müssen wir sicherstellen, dass die Perspektiven und Bedürfnisse kleiner Unternehmen bei diesem Wandel nicht zu kurz kommen. Bislang läuft die Umsetzung der neuen EU-Regelungen gut. Die European Fashion Alliance war dabei eine große Hilfe, um uns in diesem Prozess zurechtzufinden.


Der CIFD ist, wie der Fashion Council Germany, Gründungsmitglied der European Fashion Alliance. Was bedeutet diese Partnerschaft für dich?

Die European Fashion Alliance schafft eine Plattform, auf der Wettbewerber zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen und gemeinsam stärker werden. Indem sie mit einer gemeinsamen Stimme auftreten, können sie ihre Interessen wirkungsvoller vertreten. Das Netzwerk ermöglicht es uns außerdem, fundierte Berichte zu veröffentlichen, wie 2025 den “Report on the Needs of the European Creativity-Driven Fashion Industry”. Darüber hinaus bietet die Allianz Raum für Austausch, neue Impulse und das Teilen bewährter Praktiken. Aus meiner Sicht ist die European Fashion Alliance das Beste, was der europäischen Modebranche zu meinen Lebzeiten passiert ist.


Wo siehst du die größten Chancen für europäische Zusammenarbeit, zum Beispiel beim Marktzugang, bei lokalen Lieferketten oder bei Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist ein Thema, für das wir bereits sehr sensibilisiert sind, und wir haben gemeinsam hart daran gearbeitet, in die richtige Richtung zu gehen. Wir tun das mit Bedacht, sodass es das Modegeschäft stärkt, statt unterwegs ernsthafte Probleme zu schaffen. Für die Zukunft sollten wir uns an Kooperationen wie der großartigen Zusammenarbeit zwischen dem Fashion Council Germany und der King’s Foundation orientieren. Ich habe nur kurz einen Blick auf den kürzlich veröffentlichten Impact Report geworfen: Solche Projekte können ein Vorbild sein, und wir sollten mehr dieser Kooperationen umsetzen, zum Nutzen nicht nur etablierter Marken, sondern auch aufstrebender Talente. Dafür gibt es eine großartige Plattform und große Chancen. Wenn wir als Gruppe von fast 30 Councils und Organisationen aus allen Teilen Europas zusammenkommen, herrscht im Raum immer eine unglaubliche Leidenschaft und ein großer Wille zur Zusammenarbeit. Es gibt keine Hierarchien, und es ist stark, dass wir das in so kurzer Zeit aufgebaut haben.


Deutschland ist einer der wichtigsten Märkte Europas. Wie relevant ist er für irische Designer:innen, und wo siehst du Potenzial für Austausch und Wachstum?

Erst kürzlich haben einige unserer Designer:innen gemeinsam mit unserem Enterprise-Ireland-Büro und unserer Botschaft in Deutschland ein Event veranstaltet, das hoffentlich der Beginn eines wirklich ernsthaften Engagements in der Region ist. Wir haben viel gemeinsam, was die Art der Stoffe betrifft, die wir mögen und die wir in Irland herstellen, und auch die Qualität der Verarbeitung, die wir leisten können. Ich glaube, es gibt gemeinsame Interessen, die wir erkunden und auf denen wir aufbauen können. Hoffentlich knüpfen wir in naher Zukunft wieder an die Verbindung an, die wir früher zu Deutschland hatten. Als ich vor vielen Jahren beim International Wool Secretariat gearbeitet habe, war Deutschland ein riesiger Markt für irische Strickwaren. Daran müssen wir wieder anknüpfen, und zwar über Strick hinaus, quer durch Bekleidung und Accessoires.

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AUTOR:IN
Ronja Hetland
ANSPRECHPARTNER:IN
Comm2 Team
MITGLIEDER
Eddie Shanahan über Irlands Mode zwischen Tradition, Handwerk und Innovation

Interview

Eddie Shanahan über Irlands Mode zwischen Tradition, Handwerk und Innovation

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