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28. Juli 2026

Dries Van Noten, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs, Dirk Van Saene und Marina Yee – Ende der 1980er waren sie nur den wenigsten ein Begriff. Selbst die britische Modepresse – mit Aussprache und Schreibweise der belgischen Namen überfordert – schrieb kurzerhand nur noch von den „Antwerp Six“.

40 Jahre später gelten die sechs Designer:innen noch immer als stilprägend für eine ganze Generation; nachdem sie 1986 ihre Kollektionen erstmals in London präsentierten, richtete sich der Blick der Branche auch auf Belgien allgemein.

Flanders DC feierte das 40. Jubiläum der Antwerp Six unlängst mit einem Fashion Festival in Antwerpen. Eine gute Zeit also, um sich mit Elke Timmerman auszutauschen: Als International & Business Relations Manager verantwortet sie die Partnerschaften der Modeorganisation, die wie der Fashion Council Germany Teil der European Fashion Alliance ist. Warum? Das erzählt sie uns im Interview.

 

Elke, was bedeutet europäische Mode für dich?

Für mich steht europäische Mode vor allem für Kreativität, künstlerische Vision, Handwerkskunst und Qualität. Ebenso gehören Innovation und Nachhaltigkeit dazu – gerade im Bereich der Nachhaltigkeitsregulierung nimmt Europa eine klare Vorreiterrolle ein. Innerhalb Europas gibt es natürlich noch große regionale Unterschiede: vom funktionalen, minimalistischen Design Skandinaviens über die von Subkulturen und Rebellion geprägte Modeszene Großbritanniens bis hin zum Luxus und der Handwerkskunst Frankreichs und Italiens. Es gibt also kein einheitliches Etikett für europäische Mode. Im globalen Kontext zeichnen Europa vor allem seine kreative Vielfalt und sein kulturelles Erbe aus. Das zeigt sich auch im Straßenbild: Europäischer Stil reicht von elegant über konzeptionell bis zu subkulturellen Experimenten. Europäische Mode ist deshalb eher ein Mosaik unterschiedlichster Eigenschaften als eine klar definierte Stilrichtung – und darauf können wir stolz sein.


Das Modemuseum MoMu in Antwerpen feiert derzeit ein besonderes Jubiläum: Vor 40 Jahren schrieben die Antwerp Six Modegeschichte, als sie ihre Kollektionen erstmals auf der British Designer Show in London präsentierten und Belgien als internationale Modemetropole etablierten. Wie wirkt ihr Einfluss bis heute nach?

Die Stärke der Antwerp Six lag darin, dass sie konsequent ihren eigenen Weg gegangen sind. Sie haben gezeigt, dass belgische Mode mutig, konzeptionell und zutiefst individuell sein kann. Das inspiriert bis heute Designer:innen in Belgien und gibt der nächsten Generation Selbstvertrauen. Der Begriff „Antwerp Six“ entstand übrigens eher zufällig: Die britische Presse konnte ihre Namen nicht aussprechen und fasste sie kurzerhand unter diesem Titel zusammen. Tatsächlich standen dahinter jedoch sechs völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Gleichzeitig haben sie gemeinsam Belgien international den Weg geebnet. Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die heutige Designgeneration ins Rampenlicht zu stellen – genau aus diesem Grund haben wir parallel zur MoMu-Ausstellung das Antwerp.Fashion Festival organisiert.


Kannst Du die Idee hinter dem Festival näher beschreiben?

Mit dem Antwerp.Fashion Festival wollten wir bewusst keine weitere Fashion Week schaffen. Europa hat bereits zwölf Fashion Weeks – eine weitere wäre nicht sinnvoll gewesen. Unser Ziel war vielmehr, einen Moment zu schaffen, in dem wir die aktuelle Generation Antwerpener Designer:innen feiern und zeigen können, wofür Antwerpener Mode heute steht. Das Festival war ein vielschichtiges Format mit Modenschauen, Performances, Ausstellungen, Installationen, Talks, Schaufensterinszenierungen und vielem mehr. Es machte den wirtschaftlichen und kulturellen Wert der Mode sowohl für ein Fachpublikum als auch für Konsument:innen sichtbar und interpretierte das klassische Konzept einer Fashion Week neu – offen und zugänglich für alle. Künftig soll das Festival alle zwei Jahre stattfinden. Und warum nicht auch internationale Talente einladen?

Die belgische Designerin Julie Kegels zeigte ihre Mode im Rahmen des Festivals in einer Galerie.
Die belgische Designerin Julie Kegels zeigte ihre Mode im Rahmen des Festivals in einer Galerie.

Antwerpen verfügt über eine lange kulturelle Tradition – von seinem Diamantenhandel bis zu den flämischen Meistern des 16. und 17. Jahrhunderts. Im Vergleich dazu ist die Modegeschichte der Stadt noch jung. Wie greifen diese unterschiedlichen Traditionen heute ineinander?

Manche bezeichnen die Antwerp Six als die „flämischen Meister der Mode“. Insofern besteht natürlich eine Verbindung, denn Mode ist eine Kunstform. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Wirtschaftszweig. Belgien profitiert von seinem reichen kulturellen Erbe – den flämischen Meistern, der historischen Architektur und einer starken Textiltradition. Anfang der 1980er-Jahre investierte die belgische Regierung – nach heutigem Wert umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro – in Programme zur Wiederbelebung der Textilindustrie. Dazu gehörte unter anderem der Wettbewerb „Golden Spool“, den einige der Antwerp Six gewannen. Ziel war es, die Zusammenarbeit zwischen Textilindustrie und Kreativen zu fördern, Kooperationen anzustoßen und Designer:innen nach Japan oder Großbritannien zu entsenden. Auch dadurch wurde der Weg der Antwerp Six nach London möglich. Heute können junge Kreative auf dieses starke Erbe zurückgreifen und es zeitgemäß interpretieren.


Schafft diese vergleichsweise junge Modegeschichte mehr Freiraum für Kreativität und Experimente?

Ja. In Antwerpen gibt es – ähnlich wie in Berlin – keine dominante Tradition großer Luxusmarken. Dadurch können junge Designer:innen leichter eine eigene Handschrift entwickeln. Sie sind gewissermaßen gezwungen, ihre eigene Geschichte zu erzählen, mit eigenen Materialien zu arbeiten und ihre eigene Community aufzubauen. Ich bin allerdings nicht sicher, ob das tatsächlich an der Geschichte der Stadt liegt oder vielmehr an der Marktmacht der großen Luxuskonzerne.


Mit Milk of Lime, einem Designerduo der Königlichen Akademie der Schönen Künste Antwerpen, ist belgisches Design regelmäßig auf der Berlin Fashion Week vertreten. Wie siehst du die Verbindung zwischen Berlin und Antwerpen?

Was Julia und Nico machen, ist sehr mutig. Ich begleite ihren Weg seit ihren Anfängen in Deutschland. Bei Milk of Lime erkennt man die belgische Handschrift sofort: eine dunkle, elegante Ästhetik verbunden mit dem avantgardistischen, konzeptionellen Geist Antwerpens. Zwischen Antwerpen und Berlin gibt es ohnehin mehr Gemeinsamkeiten, als man zunächst vermutet. Es wäre spannend, künftig auch deutsche Designer:innen zum Festival einzuladen – und umgekehrt. Das könnte sogar ein neues europäisches Kooperationsprojekt werden. Das Potenzial für kreative Austauschprogramme ist auf jeden Fall groß.

Belgische Mode, hier von Marie Bernadette Woehrl, ist oft düster und experimentell.
Belgische Mode, hier von Marie Bernadette Woehrl, ist oft düster und experimentell.

Die internationale Modeszene blickt heute ohnehin besonders auf die neue Generation der Royal Academy of Fine Arts Antwerp. Was zeichnet diesen Ausbildungsansatz aus?

Die Akademie in Antwerpen nimmt eine besondere Stellung ein. Walter Van Beirendonck hat sie über viele Jahre geprägt und vorgemacht, wie man gleichzeitig eine Akademie leiten, ein eigenes Label führen und auf den Laufstegen in Paris präsent sein kann. Er hat Studierende immer dazu ermutigt, ihre eigene Geschichte zu erzählen, mutig zu experimentieren und eigenständige Mode zu entwickeln. Wer die Akademie verlässt, bringt einen enormen Erfahrungsschatz mit – allerdings herrscht auch großer Leistungsdruck. Man muss herausragend sein. Die Ausbildung ist stark künstlerisch und experimentell ausgerichtet. Wirtschaftliche Inhalte spielen dagegen kaum eine Rolle. Genau hier setzt Flanders DC mit Coachings, Mentoring-Programmen, Webinaren und digitalen Angeboten zur Unternehmensgründung an.


Welche Ratschläge gibst Du den Labels, die sich an euch wenden?

Wir begleiten Designer:innen vom ersten Schritt an – von angehenden Gründer:innen bis hin zu etablierten Marken und CEOs. Die Unterstützung reicht von individueller Beratung bis zu Gruppenprogrammen mit Branchenexpert:innen. Für Einsteiger:innen bieten wir gemeinsam mit der Stadt Mentoringprogramme an. Fortgeschrittene Labels unterstützen wir bei Internationalisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Unternehmensentwicklung. Außerdem stellen wir einen kostenlosen Leitfaden zur Gründung eines Modelabels zur Verfügung, den wir regelmäßig aktualisieren. Wir empfehlen allen, diesen zuerst zu lesen, bevor sie sich ausschließlich von ihren Träumen leiten lassen. Denn es gibt viele Träumer:innen – und manchmal entdeckt man darunter echte Talente.


Woran erkennt man ein solches Talent? Ist das ein Bauchgefühl?

Fingerspitzengefühl! Aktuell begleiten wir vier oder fünf Labels, denen wir großes Potenzial und Ehrgeiz zutrauen. Erfolg hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: Talent, finanzielle Ressourcen, Vision und einem starken Netzwerk. Wenn all diese Voraussetzungen zusammenkommen, unterstützen wir die Marken so intensiv wie möglich – etwa durch Reisen nach Paris oder in andere wichtige Märkte. So können wir ihnen echten Mehrwert bieten.


Auch Mode von Brandon Wen wurde während des Antwerpener Modefestivals präsentiert.
Auch Mode von Brandon Wen wurde während des Antwerpener Modefestivals präsentiert.

Gemeinsam mit der Universität Antwerpen vergebt Ihr außerdem den Flanders DC/UA Award an Absolvent:innen des Masterstudiengangs Mode. In diesem Jahr ging der Preis an Lars Mertens. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung?

Den Preis vergeben wir an Absolvent:innen der drei flämischen Modeschulen. In diesem Jahr erhielten ihn Harry Van Noten (KASK Gent), Kito Kotsoane (Akademie Sint-Niklaas) und Lars Mertens aus Antwerpen. Alle drei gewinnen einen Business-Sommerkurs an der Antwerp Management School – ein intensives Programm, das Kreativen vermittelt, wie sie ihr eigenes Label aufbauen können. Denn viele Absolvent:innen verfügen zwar über großes gestalterisches Talent, aber kaum betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Darüber hinaus organisieren wir gemeinsam mit Partnern aus Flandern, Brüssel und Wallonien die Belgian Fashion Awards. Eine Kategorie zeichnet Emerging Talents aus und ist mit 10.000 Euro dotiert. Auch das ist ein wichtiger finanzieller Impuls für junge Designer:innen.


Flanders DC war 2022 außerdem maßgeblich an der Gründung der European Fashion Alliance beteiligt. Wie entstand diese Idee?

Aus dem europäischen Traum. Damals arbeitete ich für MAD Brussels und fragte mich, wie wir uns als Fashion Council positionieren könnten. Der größte Standortvorteil Brüssels ist seine Rolle als Hauptstadt Europas. Also dachte ich: Warum bringen wir nicht die europäischen Fashion Councils zusammen? Ich rief sie alle an – anfangs gingen allerdings nicht alle ans Telefon. Zwischen 2014 und 2017 organisierten wir mehrere European Fashion Summits mit Vorträgen und interaktiven Workshops, bevor schließlich eine dauerhafte Organisation entstand. Damals spielte Nachhaltigkeit noch keine große Rolle. Die größten Herausforderungen waren fehlende finanzielle Mittel und mangelndes betriebswirtschaftliches Wissen junger Kreativer. Die Luxuskonzerne sprachen für die Branche, doch die vielen unabhängigen Labels hatten keine gemeinsame Stimme. Deshalb wollten wir Wissen teilen und langfristig eine europäische Organisation aufbauen – unterstützt durch ein Creative-Europe-Projekt. Ziel war es, der kreativ geprägten Modebranche eine starke Stimme zu geben und eine dauerhafte Struktur zu schaffen.


Welche Ziele verfolgt die EFA aus Deiner Perspektive heute und in Zukunft?

Heute konzentrieren wir uns vor allem auf politische Interessenvertretung. Angesichts ökologischer Herausforderungen, technologischer Veränderungen und neuer europäischer Nachhaltigkeitsvorgaben ist Lobbyarbeit entscheidend, wenn man die Interessen der vielen kleinen und mittleren Unternehmen der europäischen Modebranche vertreten möchte. Die EFA will den kreativen Teil der Branche stärken, nachhaltige Rahmenbedingungen schaffen und gleichzeitig ihre wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit sichern. Darüber hinaus wollen wir Wissen und Best Practices austauschen, internationale Kooperationen fördern und gemeinsame Projekte entwickeln. Besonders wertvoll ist dabei das Netzwerk selbst. Ich kann beispielsweise jederzeit unsere portugiesischen Partner kontaktieren.


Und was resultiert dann aus solchen Kontakten?

In diesem Jahr planen wir unter anderem eine Produktionsreise nach Portugal und Spanien, um belgischen Marken Einblicke in unterschiedliche Produktionsstätten zu ermöglichen. Dank unserer Kontakte zum spanischen Fashion Council und zu ModaLisboa lassen sich solche Kooperationen schnell anstoßen. Außerdem sind wir Partner im europäischen Horizon-Projekt „Just Fashion“, an dem EFA, Fashion Council Germany und Flanders DC gemeinsam mit weiteren Ländern und Unternehmen beteiligt sind. Ein weiteres gutes Beispiel ist Scott Lipinski, CEO des Fashion Council Germany. Nach seinem Amtsantritt ließ er einen umfassenden Branchenreport erstellen – etwas, das bislang nur wenige Fashion Councils getan haben. Solche belastbaren Daten sind essenziell, um die wirtschaftliche Bedeutung der Branche sichtbar zu machen. Inzwischen arbeiten auch andere Councils an vergleichbaren Studien. Genau darin liegt die größte Stärke der EFA: voneinander zu lernen. Fotos: Flanders District of Creativity

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AUTOR:IN
Sinah Griessler
ANSPRECHPARTNER:IN
Manuel Almeida Vergara
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Elke Timmerman: „Europäische Mode ist eher ein Mosaik unterschiedlichster Eigenschaften – und darauf können wir stolz sein“

Interview

Elke Timmerman: „Europäische Mode ist eher ein Mosaik unterschiedlichster Eigenschaften – und darauf können wir stolz sein“

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