26. Juni 2026
Mode ist mehr als eine schöne Hülle – das muss man Janina Lin Otto längst nicht mehr erklären. Die Unternehmerin, die 2018 gemeinsam mit ihrem Ehemann Benjamin Otto die Holistic Foundation gegründet hat, ist sich der Kraft der schönen Kleider durchaus bewusst – genauso der Verantwortung, die mit dem Modekonsum einhergeht, sei es auf ökologischer oder sozialer Ebene.
Im Gespräch mit dem Fashion Council Germany, zu dessen Advisory Board Janina Lin Otto seit November 2025 gehört, hebt sie hervor, wie sichtig Wertschätzung und Glaubwürdigkeit sind – und erzählt, warum es sich lohnt, der eigenen Großmutter mal über die Schulter zu schauen.
Janina, du bist seit November Mitglied im Advisory Board des Fashion Council Germany. Was hat dich dazu bewogen, zu diesem Engagement ja zu sagen?
Für mich ist Mode mehr als nur Kleidung – sie ist ein relevanter Hebel, um die Zukunft ökologisch, ökonomisch und auch kulturell zu gestalten. Diese Einschätzung teile ich mit dem Council, mit dem ich ohnehin seit längerem vertrauensvoll verbunden bin; etwa weil ich in den vergangenen Jahren bereits Teil verschiedener Wettbewerbs-Jurys war. Für mich als Unternehmerin ist es spannend und eine ehrenvolle Aufgabe, daran mitwirken zu dürfen, die Modebranche in unserem Land zu gestalten.
Hat bei deiner Entscheidung auch eine Rolle gespielt, dass der Council einen Fokus auf Themen der Nachhaltigkeit legt? Es geht ja auch in vielen anderen Projekten, die du unterstützt oder realisierst, darum, für möglichst viele Menschen eine bessere Zukunft zu schaffen.
Der Fokus auf Nachhaltigkeit war für mich sogar eine zentrale Voraussetzung, diese Rolle anzunehmen. Wertebasiertes Handeln und eine gewisse Wertschätzung den Mitmenschen und der Umwelt gegenüber spielen generell eine große Rolle für mich und meine Arbeit.
Da passt es gut, dass du schon deine Diplomarbeit „über die Wertschätzung von Lebensmitteln in Deutschland“ geschrieben hast, wie ich in deinem Lebenslauf lesen konnte. Von Nachhaltigkeitsexpert:innen habe ich in den vergangenen Jahren oft gehört, in Deutschland sei im Bereich der Lebensmittel diese Wertschätzung und auch die Bereitschaft, für ökologisch sinnvoll produzierte Produkte mehr zu bezahlen, sehr viel größer als im Bereich der Mode. Teilst du diese Einschätzung?
Auf jeden Fall ist noch deutlich Luft nach oben – und zwar in beiden Bereichen. Zwar findet schon ein Wandel im Denken statt, aber er ist noch nicht in der breiten Gesellschaft angekommen. In meiner Diplomarbeit habe ich damals herausgestellt, dass Deutschland die Wiege der Discounter und die Bevölkerung dementsprechend preisfokussiert ist: Wenn irgendwo ein Rabatt-Schildchen dranklebt, springen viele Menschen in unserem Land darauf an. Deswegen finde ich es wichtig zu verdeutlichen, dass sich ein höherer Preis häufig aus einer tatsächlich höheren Qualität ergibt. Es fehlt oft ein Bewusstsein dafür, dass zum Beispiel Bio-Lebensmittel preisintensiver sind, weil weniger Pestizide eingesetzt wurden, oder nachhaltige Kleidungsstücke, weil sie aus lokaler Produktion stammen – dass also bestimmte Maßnahmen ergriffen wurden, die diesen Produkten eine besondere Wertigkeit verleihen. Da sehe ich kommunikativ großes Potenzial, dies zu vermitteln.
Ich habe das Gefühl, in Deutschland würde eher der niedrige Preis wie eine Art Gütesiegel hervorgehoben. Man kennt das ja, wenn man jemandem ein Kompliment für einen neuen Pulli macht: „Danke, der war ganz günstig“, lautet die Reaktion dann oft.
Das stimmt. Viele Menschen in unserem Land scheinen zu denken, sie würden stets zu einem niedrigeren Preis dieselbe Qualität bekommen. Richtig ist, dass wir mit einem vermeintlichen Schnäppchen nicht nur etwas gewonnen, sondern oft auch auf bestimmte Qualitäten verzichtet haben. Deswegen haben wir unter anderem die Holistic Foundation gegründet: Wir Menschen denken und agieren oft in Silos, was uns isolierte Entscheidungen treffen lässt. Wir möchten inspirieren, Dinge ganzheitlich zu betrachten. Unsere Welt ist nicht isoliert, alles ist komplex verknüpft. Auch eine Kaufentscheidung hat mehr Komponenten als den Preis. Es ist uns ein großes Anliegen, dass wir alle die Dinge hinterfragen und schlussendlich aufgeklärte Entscheidungen treffen.
Und das lässt sich, wie du sagst, vor allem kommunikativ lösen?
Unter anderem. Wichtig ist, mehr darüber zu sprechen, wo Dinge herkommen, was da drin ist, welche Geschichten hinter den Produkten stehen. Und wir sollten die Menschen daran erinnern, dass es früher eine andere Art gab, mit Kleidung umzugehen. Wenn ich an meine Großmutter denke, wie sie früher Kleider nicht nur selbst genäht, sondern im Lauf der Jahre auch immer wieder repariert oder an ihre sich verändernde Körperform angepasst hat, dann wünsche ich mir, dass diese Wertschätzung den Dingen gegenüber wieder größer wird. Und dass die Menschen wieder mehr wertschätzen, welche Arbeit dahintersteckt. Gerade in der Mode sehe ich noch Potenzial, dies stärker herauszustellen.
Potenzial ist ein gutes Stichwort: Potenzialentfaltung, Berufung und ein verbessertes Arbeitsleben spielen in einigen deiner Projekte eine übergeordnete Rolle. Was bedeutet für dich persönlich ein erfülltes Berufsleben – und hat sich dein Verständnis davon in den vergangenen Jahren verändert?
Für mich persönlich bedeutet das, meinen eigenen Werten und Stärken entsprechend arbeiten und agieren zu können. Und ja – dieses Verständnis hat sich für mich tatsächlich verändert. Auch ich habe ja das klassische Schulsystem durchlaufen und bin mit bestimmten Normen aufgewachsen. Irgendwann habe ich aber festgestellt, dass ich selbst oft besser in der Bewegung arbeiten kann: Telefonate beim Gehen oder sogar beim Sport, hier und dort Emails schreiben. Es ist ein großes Geschenk, dass ich Dinge tun kann, für die ich wirklich brenne – und dass ich sie genau so erledigen kann, wie es zu mir passt.
Zuletzt ist aus der Holistic Foundation, die du 2018 gemeinsam mit deinem Mann Benjamin Otto gegründet hast, das Projekt LIFE HAMBURG hervorgegangen – „ein Zuhause für alle Menschen, die gemeinsam wachsen und aktiv an der Gestaltung unserer Zukunft mitwirken wollen“, so steht es auf der Webseite.
Richtig. Wir möchten einen Ort schaffen, an dem möglichst viele Menschen für ein konstruktives Miteinander zusammenkommen, um gemeinsam an den Herausforderungen unserer Zeit zu arbeiten. Diese Herausforderungen sind ja nicht nur sehr komplex, sondern auch untereinander verknüpft – um sie wirklich anzugehen, braucht es eine ganzheitliche Sichtweise. Also laden wir Menschen jeden Alters und jeder Herkunft dazu ein, die Perspektiven der jeweils anderen kennenzulernen, sich inspirieren zu lassen und sich gleichzeitig zu trauen, wirklich sie selbst zu sein. Bei LIFE HAMBURG gibt es Projekte, die sich mit Kunst und Kultur auseinandersetzen, mit Ernährung, Umwelt, Gesundheit, Arbeit – mit allen Bereichen, die ein gutes Leben ausmachen. Es geht uns um ein generationsübergreifendes Miteinander und um lebenslanges Lernen, weil wir überzeugt davon sind, dass Bildung nach der Schule nicht aufhört.
Was bedeutet das übersetzt auf die Modebranche? Was können in diesem Bereich die jüngeren von den älteren Generationen – und im Umkehrschluss die Älteren von den Jüngeren lernen?
Ich finde, die Mode ist wirklich prädestiniert für einen generationenübergreifenden Austausch. Die Älteren haben Wissen und handwerkliche Fähigkeiten, die jüngere Menschen heute so nicht mehr vermittelt bekommen – dafür können die Jüngeren den Älteren zum Beispiel Innovationen im Modebereich vermitteln. So möchten wir das auch bei LIFE HAMBURG ermöglichen: Es kann dort genauso um traditionelles Spitzeklöppeln wie um modernes 3D-Printing gehen; es geht um einen Wissensaustausch. Wenn ich noch einmal an meine Großmutter zurückdenke, dann ist es so eine gewisse Art von Pragmatismus, die wir uns von ihrer Generation sicherlich abgucken könnten.
Wie meinst du das?
Wie erwähnt hat meine Großmutter viel selbst gemacht und repariert, die Dinge lange am Leben gehalten. Das hat sie natürlich nicht nur aus Spaß gemacht, sondern weil ihre Zeit nicht von Überfluss, sondern von Entbehrung geprägt war. Dem gegenüber stehen die jungen Menschen, die sich heute mit ganz anderen Fragen auseinandersetzen müssen – etwa damit, wie KI als eine nützliche Ergänzung genutzt werden kann. Das sind zwei unterschiedliche Kompetenzfelder – die pragmatischen, handwerklichen Fähigkeiten auf der einen und das technische Wissen auf der anderen Seite –, die beide wichtig sind, wenn wir den Modestandort Deutschland langfristig stärken wollen.
Sind junge Menschen denn empfänglich für diese Art von Wissen, also für traditionelle Handwerkstechniken?
Das denke ich schon. Ich war vor wenigen Tagen erst zu Besuch bei einem unserer Förderprojekte, in dem Schüler:innen als Abschluss eines Ferienprogramms eine Modenschau veranstaltet haben: Das war ein Programm für Kinder, die aus sozio-ökonomisch benachteiligten Gegenden in Hamburg kommen, die also vielleicht nicht alle in den Urlaub fahren oder deren Eltern ihnen kein Freizeitangebot ermöglichen können. In dem Projekt haben die Schüler:innen dann eine Woche hindurch geschneidert, kreiert, gebastelt und am Ende gemeinsam eine Show auf die Beine gestellt.
Auch Kolleg:innen aus dem Education-Team des Fashion Council Germany gehen regelmäßig an Schulen, um dort über Nachhaltigkeit, aber auch über berufliche Perspektiven in der Modebranche zu sprechen.
Das finde ich toll, ich würde mir wünschen, dass Themen der Mode und des Modekreislaufs viel stärker in die Schulen geholt würden! Denn auch dieses Ferienprojekt, von dem ich eben gesprochen habe, ist ja letztlich viel mehr als eine nette Beschäftigung: Die Kinder haben gelernt, wie viel Arbeit hinter jedem Kleidungsstück steckt, welche Wertschätzung ihm also zuteilwerden müsste. Dass ihnen dies auf unterschiedliche Weise vermittelt wird, finde ich ganz wichtig.
Welchen Rat hast du selbst einmal vermittelt bekommen, den du nun gerne an die jüngeren Generationen weitergeben willst?
Als ich 13 war, hat mein Reitlehrer mir einmal gesagt: „Janina, du wirst nie die eine Person finden, die dir alles erklärt, was du für dein Leben brauchst – die Kunst ist, möglichst vielen Menschen zuzuhören und dir dann herauszupicken, was wirklich für dich wichtig ist.“ Diesen Rat habe ich nie vergessen und auch sehr stark in mein Leben implementiert. Ich bin überzeugt davon, dass man im Gespräch mit jedem Menschen etwas lernen kann – selbst wenn man unterschiedlicher Meinung ist.
AUTOR:IN
Manuel Almeida Vergara
ANSPRECHPARTNER:IN
Manuel Almeida Vergara
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