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1. Okt. 2026

Wenn es um Mode geht, weiß Laura Weir definitiv, wovon sie spricht: Im April 2025 hat sie die Position als CEO des British Fashion Council übernommen und brachte schon damals mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung aus den Bereichen Mode, Medien und Einzelhandel mit. Seitdem arbeitet Laura eng mit Designer:innen und der gesamten Branche zusammen, um die britische Mode und ihre kreative Community zu fördern.

Wir haben mit ihr über ihr erstes Jahr beim British Fashion Council gesprochen, der – ebenso wie der Fashion Council Germany – Mitglied der European Fashion Alliance ist, über die Chancen und Herausforderungen, vor denen junge Designer:innen heute stehen, darüber, wie sich Fashion Weeks verändern, und warum Zusammenarbeit – sowohl innerhalb Großbritanniens als auch europaweit – wichtiger ist denn je.

Showtime: Der British Fashion Council organisiert die London Fashion Week auf der Designer wie Patrick McDowell ihre Kollektionen zeigen. Foto: Deborah Iona für British Fashion Council
Showtime: Der British Fashion Council organisiert die London Fashion Week auf der Designer wie Patrick McDowell ihre Kollektionen zeigen. Foto: Deborah Iona für British Fashion Council

Laura, was bedeutet europäische Mode für dich?

Europäische Mode steht für das Beste aus Luxus, Tradition, Kreativität und Innovation und zeigt und repräsentiert die unglaubliche Vielfalt der Branche. Ich liebe, dass Europa so viele unterschiedliche Perspektiven und einzigartige, individuelle Kulturen vereint. Sie alle verbindet ein gemeinsames Ziel: Kreativität. Ich liebe diese Vielfalt, aber auch das Bündnis, das daraus entsteht. Ich finde, Mode ist ein sehr kraftvoller Ausdruck von Zusammenhalt und gleichzeitig von Individualität.


Was beschäftigt dich beim British Fashion Council derzeit am meisten?

Wir befinden uns in einer Phase des Wandels. Wir haben einen Vierjahresplan, den wir konsequent vorantreiben, und die Zeit vergeht unglaublich schnell. Vor Kurzem haben wir die London Fashion Week veranstaltet, gefolgt von unserem jährlichen Fundraising-Event, den Fashion Awards in der Royal Albert Hall – der größten Fashion-Fundraising-Veranstaltung der Welt. Wir stemmen also diese beiden unglaublich großen und bedeutenden Veranstaltungen für unsere Community und befinden uns gleichzeitig im ersten Jahr der Umsetzung unseres Vierjahresplans. Es gibt eigentlich nie einen ruhigen Moment – aber ich würde es auch gar nicht anders wollen.


Du hast die Modebranche aus sehr unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt – in den Medien, im Einzelhandel und nun an der Spitze des British Fashion Council. Welchen Rat würdest du Designer:innen heute geben, ganz gleich, ob sie gerade erst anfangen oder bereits etabliert sind?

Mein Rat wäre, den eigenen Weg und die eigene Praxis wirklich zu wählen. Wenn du kreativ arbeitest und kein Unternehmen aufbauen möchtest, ist das wunderbar – dann solltest du kreative Akteur bleiben und deine kreativen Fähigkeiten nutzen, um die Ideen auszudrücken, die du mit der Welt teilen möchtest. Wenn du rund um diese Ideen aber doch ein Unternehmen aufbauen möchtest, würde ich dir raten, darauf zu achten, dass dein unternehmerisches Know-how genauso gut entwickelt ist wie deine kreative Praxis. Als ich 24 war – heute bin ich 44 –, fühlte sich die Branche, insbesondere in Großbritannien, noch nicht so kommerziell oder geschäftsorientiert an. Es ging viel stärker um Kreativität um ihrer selbst willen – und zwar im positivsten Sinne.


Stadtgespräch: Die London Fashion Week, hier eine Präsentation von Geordie Campbell, trägt Mode tief in die Stadt hinein. Foto: Sophie Holden für British Fashion Council
Stadtgespräch: Die London Fashion Week, hier eine Präsentation von Geordie Campbell, trägt Mode tief in die Stadt hinein. Foto: Sophie Holden für British Fashion Council

Und das hat sich verändert?

Heute gibt es durch die Möglichkeit, eigene Inhalte und die eigene Marke wirklich selbst steuern zu können und über entsprechende Plattformen zu verfügen, viel mehr Kontrolle und Möglichkeiten, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, unternehmerisches Know-how ins Zentrum zu stellen. Beim British Fashion Council bieten wir individuelle Mentorings und Weiterbildungen an – statt einfach nur starre Regeln zu diktieren –, damit Kreative, die ein Unternehmen gründen möchten, dies erfolgreich tun können. Gleichzeitig ist es wichtig anzuerkennen, dass nicht jede und jeder ein Unternehmen gründen möchte. Und auch das ist vollkommen legitim und wertvoll.


Junge Designer:innen stehen heute allerdings auch vor vielen Herausforderungen. Was brauchen sie deiner Meinung nach am dringendsten, um erfolgreich zu werden: Finanzierung, Mentorings, Unterstützung bei der Produktion oder etwas ganz anderes?

Ich denke, es ist eine Kombination aus all diesen Dingen – aber jeweils zum richtigen Zeitpunkt. Eines der besten Dinge, die man am Anfang einer Karriere haben kann, ist, eine:n Mentor:in zu suchen – jemanden, der oder die diesen Weg bereits gegangen und vielleicht auch mal gescheitert ist. Natürlich ist es immer großartig, jemanden an seiner Seite zu haben, der erfolgreich war. Aber wenn man jemanden hat, der gescheitert ist und versteht, warum und wie, sind das auch sehr wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse. Mit der Zeit kann dann auch finanzielle Unterstützung wichtig werden – aber man muss sehr genau darauf achten, wann man diese Finanzierungen annimmt und ob man bereits über die Fähigkeiten und Erfahrungen verfügt, sie zu managen. Ich habe Designer:innen erlebt, die Fördermittel erhalten haben, die sie letztlich überforderten. Verwaltung, Buchhaltung, Cashflow und die Verteilung von Ressourcen sind für sich genommen bereits große Herausforderungen. Deshalb sind Programme, wie sie Fashion Councils anbieten, so wichtig: Wenn Designer:innen sich für Awards, Stipendien, Förderungen, Preise oder Programme bewerben, können sie neben finanzieller Unterstützung auch Beratung dazu erhalten, wie sie diese Mittel einsetzen sollten. Beim British Fashion Council bieten wir außerdem Unterstützung im Bereich Buchhaltung und unentgeltliche juristische Beratung an. Wir versuchen, ein Ökosystem rund um die Designer:innen aufzubauen, in dem sie lernen und sich auf ihrem beruflichen Weg unterstützt fühlen können.


Die London Fashion Week ist seit besonders für ihre Kreativität und Innovation bekannt. Aber welche Rolle spielt das traditionelle Fashion-Week-Format heute überhaupt noch?

Ich glaube, seine Rolle ist nach wie vor sehr wichtig, weil Fashion Weeks Menschen zusammenbringen. Mehr denn je wollen wir diese Momente der Begegnung miteinander schaffen. Es hat etwas wirklich Schönes, sich in einem Raum aufzuhalten, der von einer kreativen Person gestaltet und geschaffen wurde, die ihre Ideen mit uns teilen möchte. Es ist eine große Ehre und ein Privileg, auf Einladung dort zu sitzen und diese Form der Selbstexpression zu erleben. Das nehme ich niemals als selbstverständlich hin! Ich denke, es ist unsere Aufgabe, Menschen weiterhin in diesen Räumen zusammenzubringen. Es tut uns allen einfach gut, zusammen zu sein – deshalb bleibt das Format der Fashion Week auch weiterhin wertvoll.


Traumwelt: Designerin Tolu Coker schafft im Rahmen der London Fashion Week immersive Welten, die Laura Weir als besonders sehenswert beschreibt. Foto: Cris Fragkou für British Fashion Council
Traumwelt: Designerin Tolu Coker schafft im Rahmen der London Fashion Week immersive Welten, die Laura Weir als besonders sehenswert beschreibt. Foto: Cris Fragkou für British Fashion Council

Und wie wird sich die London Fashion Week deiner Meinung nach in den kommenden Jahren weiterentwickeln?

Was die Weiterentwicklung betrifft, sehen wir zunehmend mehr unterschiedliche Formate. Präsentationen gewinnen an Bedeutung – Formate, bei denen es nicht immer um einen Runway, einen Catwalk und Models geht. Ein Designer entwickelte in der vergangenen Saison etwas, das fast nach einer Vorlesung klingt: Er stand vor dem Publikum und erklärte die Kollektion, die verwendeten Materialien und Techniken sowie den kreativen Prozess. Das unterstützt die erzählerische Dimension und hilft den Gästen, den Wert dessen zu verstehen, was geschaffen wurde. Und es gibt so viele weitere Möglichkeiten: Tolu Coker beispielsweise schafft für uns immersive Welten, die wir beobachten und erleben können. Vor zwei Saisons produzierte sie einen Kurzfilm und zeigte ihn in einem wunderschönen Raum im 180 The Strand. Während der Fashion Week wurde daraus ein echter Moment der Ruhe. Einkäufer:innen, Pressevertreter:innen und Tolus Community konnten sich austauschen, gutes Essen genießen und einen großartigen Kurzfilm mit Naomi Campbell ansehen. Für mich geht es bei der Weiterentwicklung also darum, dass Designer:innen mit Formaten spielen und experimentieren und das Gefühl haben, selbst stärker bestimmen zu können, wie sie sich präsentieren möchten. Ich freue mich sehr, dafür weiterhin den Raum schaffen zu können!


Es lassen sich auch immer mehr Überschneidungen zwischen Mode, Beauty und Lifestyle beobachten. Glaubst Du, dass sich die Branche in diese Richtung entwickelt?

Absolut. Ich glaube, die Grundlage jedes Erfolgs sind Zusammenarbeit und Partnerschaft. Wenn man sich anschaut, was kreativen Ausdruck ausmacht und was eine überzeugende kreative Geschichte entstehen lässt, sind es all die Elemente, die zusammenkommen und eine Idee in ihrer ganzen Tiefe zum Ausdruck bringen. Das wurde schon immer durch intensive Zusammenarbeit erreicht – mit Hair, Make-up, Nails, Accessoires und natürlich der Person, die die Kleidung trägt. All diese Bereiche sollten ernst genommen und entsprechend wertgeschätzt werden. Zusammenarbeit ist auch besonders wichtig, wenn die Zeiten schwierig sind. Für die meisten von uns in Europa und Großbritannien sind die Märkte derzeit ziemlich herausfordernd. Wenn wir zusammenkommen, entsteht einerseits ein schönes Gefühl von Solidarität, andererseits aber auch ein Austausch – von Wissen, Kontakten und Erfahrungen. Und es geht darum, Menschen am eigenen Erfolg teilhaben zu lassen. Philosophisch gesehen ist es also der richtige Zeitpunkt für mehr Zusammenarbeit, und auch gesellschaftlich erscheint sie mir sehr relevant. Wir bauen auf vielen Jahren gemeinsamer Entwicklung auf, haben das aber vielleicht noch nicht ausreichend gewürdigt.


Gibt es eine Zusammenarbeit aus den vergangenen Jahren, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Bei den Fashion Awards im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise den Costume Design Award für Film eingeführt. Die Gewinnerin gewann anschließend einen BAFTA und danach einen Oscar. Wir haben diesen Preis ins Leben gerufen, weil wir die Arbeit in einem anderen kreativen Bereich sichtbar machen wollten. Wir verstehen Mode so, als dass sie auch Kunst, Musik, Film und Theater mehr Sichtbarkeit ermöglicht. Außerdem vergeben wir auch einen Award an Kreative, die nicht unbedingt Designer:innen sein muss. Das können beispielsweise Fotograf:innen oder Make-up-Artists sein. Wenn man über große Plattformen wie die Fashion Awards verfügt, ist es sehr wichtig, diese auch zu nutzen, um andere Branchen sichtbar zu machen.


Treffpunkt: Zusammenzukommen, wie hier Schauspielerin Cate Blanchett und Laura Weir bei den Fashion Awards 2025, bleibt für die Branche wichtig. Foto: James D. Kelly für British Fashion Council
Treffpunkt: Zusammenzukommen, wie hier Schauspielerin Cate Blanchett und Laura Weir bei den Fashion Awards 2025, bleibt für die Branche wichtig. Foto: James D. Kelly für British Fashion Council

Der British Fashion Council ist aktives Mitglied der European Fashion Alliance. Was bedeutet diese Partnerschaft für dich und wie stärkt sie die Modebranche in Europa?

Sie ist sehr wichtig! Da geht es wieder um diese Werte von Zusammenarbeit und Partnerschaft – gemeinsam sind wir stärker. Ganz gleich, in welchem Land: Mode steht immer vor der Herausforderung, ernst genommen zu werden. Dabei sind wir eine bedeutende globale Branche, die einen erheblichen wirtschaftlichen Beitrag leistet. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir gegenüber Regierungen und in Gesprächen mit Politik, unseren Communities und der Öffentlichkeit geschlossen auftreten – mit dem gemeinsamen Ziel, Mode zu fördern, zu unterstützen und zu schützen. Unsere Aufgabe beim British Fashion Council ist es, dies für die britische Mode zu tun. Und ich sehe das als Aufgabe von uns allen innerhalb der European Fashion Alliance. Es ist eine sehr wichtige Partnerschaft – und für uns im Vereinigten Königreich nach dem Brexit ganz besonders.


Was würdest du dir für die European Fashion Alliance in den kommenden Jahren wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass die European Fashion Alliance zu einer noch stärkeren gemeinsamen Stimme für das europäische Modeökosystem wird. Dabei sollten wir anerkennen, dass Europas Stärke in der Vielfalt seiner kreativen Communities, Märkte und kulturellen Identitäten liegt – aber auch in dem, was wir erreichen können, wenn wir zusammenarbeiten. Für mich besteht die Chance darin, über den reinen Austausch von Wissen und Best Practices hinauszugehen und konkrete Möglichkeiten für Designer:innen und Unternehmen in ganz Europa zu schaffen – ihnen den Zugang zu Märkten, Talenten, Investitionen und neuen Zielgruppen zu erleichtern und gleichzeitig den kulturellen und wirtschaftlichen Wert von Mode auf europäischer Ebene sichtbar zu machen.


Gibt es derzeit aufstrebende britische Designer:innen, die du besonders spannend findest – und die wir in ganz Europa unbedingt im Auge behalten sollten?

Ich bin besonders gespannt auf die neuen Teilnehmer:innen unserer BFC-NEWGEN-Initiative. Dort gibt es eine enorme Bandbreite an Talenten und so viele eigenständige kreative Stimmen, darunter Francesca Lake, Gui Rosa und Petra Fagerström, die in diesem Jahr neu in das Programm aufgenommen wurden. Ich würde definitiv empfehlen, die gesamte Gruppe im Auge zu behalten. Sie steht für die Kreativität, Experimentierfreude und Individualität, die London zu einem so aufregenden Ort für Mode machen.


Stimmt: "Mode ist Kultur", ließ der British Fashion Council am ikonischen Piccadilly Circus in London verlauten. Foto: British Fashion Council
Stimmt: "Mode ist Kultur", ließ der British Fashion Council am ikonischen Piccadilly Circus in London verlauten. Foto: British Fashion Council

Deutschland bleibt einer der wichtigsten Märkte in Europa. Wie wichtig ist dieser heute für britische Designer:innen und wo siehst du die größten Chancen für Zusammenarbeit und Wachstum?

Deutschland bleibt definitiv einer der wichtigsten Märkte, das stimmt. CEO Scott Lipinski und das Team des Fashion Council Germany leisten großartige Arbeit. Persönlich liebe ich Deutschland! Ich habe Familie in Berlin und habe im Laufe meiner Karriere viel Zeit in Berlin, München und Düsseldorf verbracht. Ich habe eine große Zuneigung zu Deutschland und den Menschen dort, die ich als unglaublich herzlich und freundlich erlebe. Es gibt eine Reihe von Dingen, die Deutschland meiner Meinung nach besonders gut macht.


Zum Beispiel?

Erstens schätze ich sehr, wie ernst die Branche genommen wird. Es gibt ein beeindruckendes Verständnis dafür, welchen Wert Mode für die deutsche Wirtschaft hat. Wenn ich mit der britischen Regierung spreche, führe ich Deutschland als Beispiel an, weil es für mich Best Practice darstellt. Zweitens gefällt mir sehr, wie Scott und das Team die Berlin Fashion Week organisieren. Die Stadt hat eine wirklich einzigartige Identität und ist – ähnlich wie London – ein Ort für aufstrebende Talente. Drittens ist Deutschland für mich ein echtes Zentrum für Kreativität, Ideen und Inspiration. Genau darin spüre ich eine so große Verbindung zu London. Beide Städte sind Orte, an die Menschen kommen, um zu recherchieren, zu entdecken und neue Ideen und kreative Akteur kennenzulernen. Ideen hervorzubringen bedeutet, über ein großes kreatives und kulturelles Kapital zu verfügen. Ich glaube, Deutschland erkennt diesen Wert und begegnet ihm auf die richtige Weise mit Respekt. Interview: Clare Langhammer

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AUTOR:IN
Clare Langhammer
ANSPRECHPARTNER:IN
Manuel Almeida Vergara
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Laura Weir: "Ganz gleich, in welchem Land: Mode steht immer vor der Herausforderung, ernst genommen zu werden"

Interview

Laura Weir: "Ganz gleich, in welchem Land: Mode steht immer vor der Herausforderung, ernst genommen zu werden"

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