25. Mai 2026
Am liebsten lassen Johnny Talbot und Adrian Runhof ihre Kleider für sich sprechen. Umso besonderer der Moment, wenn einer der Designer selbst zu Wort kommt. In München, wo für das Label Talbot Runhof alles begann, sitzt heute Adrian Runhof vor dem Laptop – wir haben uns mit ihm zum Videocall verabredet, denn es gibt einiges zu besprechen.
2006, also vor genau 20 Jahren, war er gemeinsam mit Johnny Talbot von der bayerischen Landeshauptstadt aus nach Paris aufgebrochen, um die Kollektion ihres Labels erstmals auf der wichtigsten Modebühne der Welt zu präsentieren – letztendlich sollten es insgesamt 25 Défilés werden, die Talbot Runhof bis 2019 im Rahmen der Pariser Fashion Week präsentierten. Nun gewährt im Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) die Ausstellung CELEBRATING FASHION - Talbot Runhof in Paris einen Blick in diese Zeit – und zugleich in die Zukunft des Labels.
Bekannt vor allem für eine träumerische Anlassmode – außergewöhnliche Kleider für außergewöhnliche Momente, zuletzt zu sehen etwa an Prinzessin Kate bei einer Londoner Gala oder an der Rapperin Zah1de bei den Filmfestspielen in Cannes – verlieren Johnny Talbot und Adrian Runhof nie den Blick für die Realität und schrecken selbst vor politischen Statements nicht zurück. Wie das zusammenpasst, hat uns Adrian Runhof im Gespräch erzählt.
Adrian, seit April zeigt das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg eure Retrospektive. Wie kam es zu der Ausstellung?
Als uns das tim zum ersten Mal kontaktiert hat, gab es unsere Marke genau 25 Jahre und wir hatten genau 25 Défilés in Paris realisiert. Wir fanden, dass das tolle Zahlen sind, auf die wir nicht nur hart hingearbeitet haben, sondern die auch einen Anlass geben, um zu feiern. In all den Jahren haben wir ein sehr großes Archiv mit mehr als 1.500 Pieces angesammelt, von dem wir noch nicht wussten, was damit einmal passieren soll. Aus dieser Überlegung heraus ist dann die Konversation mit dem Museumsteam entstanden.
Und wie ging es dann weiter, als Ihr schließlich in den Erarbeitungsprozess der Ausstellung gekommen seid?
Einen Teil unseres Archivs haben wir zunächst dem Museum geschenkt und ein wesentlicher Teil der Ausstellung ist aus dieser Schenkung entstanden. Gemeinsam mit dem Museum haben wir aus jedem Défilé drei bis fünf Looks ausgewählt und so Outfits kuratiert, die nun in der Schau zu sehen sind.
Was war Euch bei dieser Auswahl besonders wichtig?
Uns hat die neue Perspektive interessiert – welchen roten Faden jemand herausarbeitet, der von außen auf unsere Kollektionen blickt. Es ging uns um diesen unbefangenen Blick des Museumsteams. Das ist eine Perspektive, die wir nicht mehr einnehmen können, weil wir eben immer durch die Talbot-Runhof-Brille auf unsere Marke blicken.
Und habt Ihr dann im Verlauf dieser Zusammenarbeit tatsächlich etwas an Eurer Mode entdeckt, das Ihr vorher so noch gar nicht gesehen hattet?
Generell arbeiten wir bei uns im Studio zwar oft mit Lookbooks früherer Kollektionen, weil es durchaus Elemente gibt, die wir immer wieder aufgreifen – und trotzdem gibt es wirklich Kleider, die wir gar nicht mehr vor Augen hatten. Unser Repertoire ist wie ein großer Weinkeller: Manchmal wissen wir ganz genau, welchen Rotwein wir heute hervorholen, aber ganz hinten gibt es auch noch ein paar vergessene Flaschen, auf die wir im richtigen Moment zufällig wieder stoßen. Es war also sehr interessant, durch die Zusammenarbeit mit dem Museum einige Ideen von früher wiederzuentdecken und sie jetzt neu aufzugreifen und weiterzuführen.
Was war eine dieser Ideen, die Ihr nun wiederentdeckt habt?
Ein Kleid aus unserer Show für das Frühjahr 2009, die wir damals in den Räumlichkeiten des französischen Werkstoffhändlers Weber Métaux präsentiert haben – also in einer unaufgeräumten, Metallwerkstatt mit Schrauben und Nägeln überall umher –, besteht aus einer langen Stoffbahn, die wir allein durch Drapage am Kragen in Form gebracht haben. Diese Technik haben wir für unsere aktuelle Kooperation mit dem spanischen Künstler David Magán wieder aufgenommen. Dabei haben wir uns die Frage gestellt, wie wir seine künstlerische Praxis – ein Spiel mit Glas, Licht und der Überlagerung von verschiedenfarbigen, transparenten Materialien – in eine textile Sprache übersetzen können. Entstanden ist ein Kleid mit eben dieser Technik aus 18 Metern Stoff und mehreren Lagen Tüll. Beides ist in der Ausstellung zu sehen und so schließt sich ein Kreis: Eines unserer frühesten Kleider trifft auf unsere neueste Kreation.
Und seid Ihr bei Eurer Recherche in Eurem eigenen Archiv auch auf Entwürfe gestoßen, mit denen Ihr heute nichts mehr anfangen könnt?
Natürlich gibt es das eine oder andere Design, das wir so überhaupt nicht mehr machen würden. Interessant war, dass vom Museumsteam auch solche Pieces ausgewählt wurden. Das hat uns gezeigt: Mode ist eben doch Geschmackssache.
Wie hat sich Eure Mode in den vergangenen 20 Jahren allgemein verändert?
Heute ist der Aspekt der Tragbarkeit viel zentraler in unseren Designs. Was in den Jahren, in denen wir in Paris gezeigt haben, dort noch verpönt war – Mode sollte als allerletztes tragbar sein – ist heute ein wichtiger Faktor für uns geworden. Diese Tragbarkeit setzen wir allerdings nicht auf Kosten, sondern mithilfe unserer Kreativität um, was unsere Kollektionen im Grunde noch interessanter macht.
Ihr seid vor allem für Anlassmode bekannt, nicht zuletzt für traumhafte Abendroben. Lädt also auch die Ausstellung zum Träumen ein?
Die Ausstellung hat einen starken kuratorischen Fokus auf das kulturelle Moment des Feierns. Der Leiter des Museums, Dr. Karl Borromäus Murr, hat dies mit einem Zitat des Philosophen Odo Marquard zusammengefasst: “Das Fest ist das Moratorium des Alltags.” Als Kern der Ausstellung manifestieren sich Opulenz und Überfluss auch in der gezeigten Kleidung. Die Ausstellung zeigt wunderbar, dass man auch mal ohne den Anspruch an Funktionalität, die in Deutschland sonst so wichtig ist, ganz gut auskommen kann – und sollte.
Ist es denn in Zeiten multipler Krisen überhaupt noch möglich, ausgelassen zu feiern?
Es ist sogar wichtig! Auch wenn wir und viele andere Menschen uns der Zeiten, in denen wir leben, sehr bewusst sind, herrscht doch trotzdem oder eben gerade deshalb eine Stimmung von “jetzt erst recht” vor. Das merken wir übrigens auch bei unseren Kundinnen.
Nehmen also gerade auch Designer:innen in solchen Zeiten eine andere, besondere Rolle ein?
Unsere Haltung war schon immer: Wer eine Plattform hat, sollte sie nutzen – und der Pariser Laufsteg ist eine große Plattform. Wenn uns politische Ereignisse beschäftigen, können wir gar nicht anders, als sie in unseren Kollektionen zu thematisieren. Das war etwa 2014 so, als wir mit einer Putin-Karikatur gearbeitet haben, oder 2017 mit unseren “LIE TO ME”-Shirts, nachdem Trump das erste Mal zum US-Präsidenten gewählt worden war. Rückblickend zeigt sich, dass viele dieser Themen bis heute relevant sind. Genau darin sehe ich die Aufgabe von Modedesigner:innen: Sie sind Propheten und Botschafter, die Entwicklungen erkennen und ihren Beitrag dazu leisten können, die Welt in eine bessere Richtung zu lenken. Wir alle tragen sehr große Verantwortung.

Wie gelingt der Spagat, scharfe politische Kommentare abzugeben und trotzdem etwas zu entwickeln, das Spaß macht und Begehrlichkeiten weckt?
Wir können gar nicht anders, als unsere Pieces sehr schön zu gestalten, auch wenn wir inhaltlich gelegentlich an sehr ernsten Themen arbeiten. Die Putin-Oberteile waren hochdekorativ, aufwendig mit Pailletten bestickt und mit Swarovski-Steinen besetzt, wunderschön. Diesen gestalterischen Anspruch lassen wir uns auch in solchen Momenten nicht nehmen – im Gegenteil.
Und wie kommen solche Kollektionen an, die politisch gefärbt sind?
Wir haben für die Putin-Karikatur sowohl Zuspruch als auch Morddrohungen erhalten, teilweise wurde sie auch von russischen Medien als Hommage an Putin missverstanden. Das passiert schnell, wenn die Rezipient:innen nicht hinter die Fassade blicken. Auch das ist das Interessante an der Mode: Vielen geht es nur um den schönen Schein, den ersten Moment, der danach schnell wieder vergessen ist. Wir möchten zum Nachdenken anregen. Es geht uns nicht darum, zu polarisieren, sondern in einen konstruktiven Dialog zu treten.
Werden heute auch Zusammenschlüsse von Kreativen wichtiger, wie etwa der Fashion Council Germany, um eine gemeinsame Stimme zu finden und Werte zu vermitteln?
Absolut. Als wir 2006 nach Paris kamen, hat uns etwas Vergleichbares sehr gefehlt: Damals hatten Designer:innen aus Deutschland – im Gegensatz zu jenen aus anderen Ländern – keine Lobby in Paris, nicht mal ansatzweise. Der Gedanke von Gemeinschaft kam erst viel später.
Der Fashion Council Germany, bevor er 2015 gegründet wurde, was dearly missed.
Galeriefotos 1-10: Bernhard Rampf; 11: tim; 12: Lauren Leis.
AUTOR:IN
Sinah Griessler
ANSPRECHPARTNER:IN
Manuel Almeida Vergara
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