26. Juni 2026
Mit der Berlin Fashion Week direkt vor der Tür haben wir mit jemandem gesprochen, dessen Einfluss längst über Europas Front Rows hinaus bis in die USA reicht: Gabriele Rorandelli, CEO von ZEROW. Wir erreichen ihn per Videocall am Londoner Flughafen, zwischen zwei zentralen Stationen des internationalen Modekalenders – der Pitti Immagine in Florenz und The Mills Fabrica in London.
Dass Rorandelli aktuell stark gefragt ist, überrascht nicht. Sein Ansatz trifft einen Nerv der Zeit: ZEROWs Modell, hochwertige Deadstock-Materialien zugänglich zu machen, gewinnt sowohl für aufstrebende Labels als auch für etablierte Marken zunehmend an Relevanz. Auch für den Fashion Council Germany ist ZEROW ein langjähriger Unterstützer mehrerer Initiativen. Zuletzt stellte die Plattform Deadstock-Materialien für unsere Initiative Fashion x Craft zur Verfügung und unterstützte damit Designer:innen bei der Entwicklung ihrer Kollektionen.
Nun setzt ZEROW die Zusammenarbeit mit dem Fashion Council Germany und jungen Designer:innen fort, indem Deadstock-Materialien für einen Designwettbewerb bereitgestellt werden, den wir gemeinsam mit der Whisky-Marke ABERFELDY organisieren. Darüber hinaus hat ZEROW erstmals Materialien für die gesamte SS27-Kollektion der FCG-Mitgliedsmarke Nowrubi geliefert, die am 3. Juli im Rahmen der Berlin Fashion Week präsentiert wird. Höchste Zeit also, mit Gabriele über seine wegweisende Geschäftsidee zu sprechen.
Gabriele, Du hast ZEROW 2021 mit dem Ziel gegründet, überschüssige Materialien und Deadstock zugänglicher zu machen und Zirkularität im Modesystem voranzutreiben. Fünf Jahre später – hat sich dieses Ziel verändert?
Nein. Was sich verändert, ist die Branche selbst: Sie bewegt sich hin zu kleineren Stückzahlen, geringeren Volumen und Bestellmengen. Das Thema Deadstock betrifft nach wie vor vor allem die großen Akteure und Marken auf Lieferantenseite, da es heute – insbesondere im Kontext von Mikrotrends – zunehmend schwierig ist, Nachfrage verlässlich zu prognostizieren. Gleichzeitig setzt ein wachsender Teil kleinerer Marken auf bewusstere, reduzierte Produktionsansätze, in denen Deadstock an Bedeutung gewinnt: nicht nur als Mittel für eine ressourcen- und zeiteffizientere sowie verantwortungsvollere Produktion, sondern auch als Grundlage für ein starkes, glaubwürdiges Storytelling gegenüber Kund:innen. Ich bin überzeugt, dass künftig noch mehr Marken diesen Ansatz verfolgen, ihre Geschäftsmodelle überdenken und sich den aktuellen Entwicklungen anpassen werden.
„Abfall darf kein Thema sein, über das Marken nur ein- oder zweimal im Jahr nachdenken."
Wie geht ihr auf Luxusmarken auf der Lieferantenseite zu, und wie überzeugt ihr sie von eurem Geschäftsmodell?
Das ist unsere größte Herausforderung und ein zentraler Bestandteil unserer Vision – denn wir können nichts wiederverwerten, was wir nicht haben. Um Luxusmarken, Stoffhersteller oder Gerbereien zu überzeugen, müssen wir zeigen, dass wir eine große Vision haben und wachsen – was am Anfang nahezu unmöglich war, da wir noch keine nennenswerten kommerziellen Erfolge vorweisen konnten. Alessio Troisi, unser Co-Founder, und ich haben das genutzt, was wir hatten: unsere Netzwerke und das Vertrauen, das wir uns durch frühere Erfahrungen in der Branche aufgebaut hatten. Anfangs war es schwierig, aber es wird jeden Tag leichter, unseren Partnern ein wertvolleres Angebot zu machen. Jetzt, da wir Partnerschaften mit italienischen und deutschen Institutionen wie dem Fashion Council Germany aufbauen, bewegen wir uns in eine Richtung, in der unser Ansatz zum Standard wird – getragen sowohl von finanziellen als auch von Nachhaltigkeitszielen.
Auch wenn sich die Branche verändert, basiert Mode noch immer stark auf Exklusivität. Wie verändert sich diese Dynamik, wenn Materialien von Luxusmarken für kleinere Labels zugänglich werden?
Marken waren schon immer sehr vorsichtig im Umgang mit ihren Materialien und Produkten, da diese Teil ihrer Markenidentität sind – und früher wurden sie, insbesondere im Luxussegment, kaum geteilt. Doch heute verschiebt sich das Verständnis von Exklusivität im Sektor: weg vom Produkt selbst, hin zu Community, Kultur und Erlebnissen. Das Produkt ist nur noch ein Berührungspunkt unter vielen – nicht mehr der zentrale. Deshalb sind Marken offener geworden, ihre Materialien zu teilen.
Gleichzeitig entsteht Exklusivität auch durch die Haltung und Werte einer Marke. Marken mit einem starken Ethos bleiben relevant, weil sie Dinge tun können, die andere nicht leisten – und genau das schätzen Kund:innen. Wenn sie Materialien und Ressourcen mit kleineren Marken teilen, schafft das zusätzlichen Wert – vorausgesetzt, es ist ganzheitlich und langfristig in ihre Strategie eingebettet. Es kann sogar dazu beitragen, das Markenimage zu stärken und Exklusivität neu zu definieren.
Was war bisher euer größter Erfolg mit Zerow?
Für uns war der größte Erfolg, direkt nach dem Launch international zu werden. Wir wussten, dass man in der Modebranche überall sichtbar sein muss, um relevant zu sein. Heute, nach einigen Jahren am Markt, sind wir stark in Deutschland, Großbritannien und Frankreich vertreten und beginnen auch in den USA bekannter zu werden. Mit mehr als 1.200 Kund:innen außerhalb Italiens – und weiter wachsender Zahl – ist es ein großer Erfolg, in weniger als zwei Jahren eine globale Marke aufgebaut und sich als verlässliche Quelle etabliert zu haben. Gleichzeitig ist das einer der schönsten Aspekte unseres Geschäfts, da wir ständig mit unterschiedlichen Kulturen und Herangehensweisen in Kontakt stehen – was wiederum unsere Marke prägt.
Und welche Herausforderungen begegnen euch aktuell am stärksten?
Wir entwickeln unser Angebot derzeit weiter und haben eine Logistikplattform geschaffen, die Marken und Unternehmen dabei unterstützt, unsere Lösung zu nutzen – inklusive Logistik und Finanzierung. Unsere größte Herausforderung ist es nun, diese Plattform namens Circula zu einer All-in-one-Lösung für Modeabfälle auszubauen.
Wir entwickeln eine Software, die nicht nur unseren Marktplatz integriert, sondern auch Lösungen für Wiederverwendung, Recycling und Materialspenden umfasst. So können Partner verschiedene Materialströme verwalten, Zero Waste erreichen – und das messbar sowie einfach umsetzbar. Zudem erweitern wir die Plattform um soziale Aspekte im Rahmen der EPR-Regelwerke [Anm. d. Red. Extended Producer Responsibility, also jener umweltpolitischen Ansätze, die Hersteller für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte in die Verantwortung nehmen]. Dieser Ansatz bringt zwar Komplexität mit sich, hilft unseren Partnern jedoch, regulatorische Anforderungen in wirtschaftlichen und ökologischen Mehrwert zu verwandeln. Eine Lösung, die die Branche wirklich zero-waste machen soll – nicht nur oberflächlich.
Wie lässt sich Zirkularität messen?
Allein die Möglichkeit, Materialflüsse, Mengen und Kilogramm zu messen, ist bereits ein Fortschritt – denn die Branche weiß oft nicht einmal, wie viel Leder oder Stoff tatsächlich entsorgt wird, da Lieferketten ausgelagert sind. Wir messen die Mengen über verschiedene Kanäle hinweg: wie viele Meter oder Kilogramm über unsere Plattform weiterverkauft, wiederverwendet, recycelt oder gespendet wurden.
Darauf aufbauend analysieren wir den ökologischen Fußabdruck und die eingesparten CO₂-Emissionen. Darüber hinaus erfassen wir auch den wirtschaftlichen Impact, da diese Materialien zuvor oft entsorgt oder sehr günstig verkauft wurden, sowie den sozialen Impact, da wir kleine Unternehmen, Wohltätigkeitsorganisationen und NGOs unterstützen.
Zudem passen wir unsere Lösungen an neue Berichtspflichten an, etwa die Ecodesign for Sustainable Products Regulation [eine EU-Verordnung, die Designanforderungen festlegt, um Produkte langlebiger, reparierbarer und besser recycelbar zu machen] sowie die Corporate Sustainability Reporting Directive [die Unternehmen verpflichtet, ihre ökologischen und sozialen Auswirkungen nach einheitlichen EU-Nachhaltigkeitsstandards offenzulegen]. Das wird künftig zu detaillierteren Messungen von Abfällen führen – und wir sind überzeugt, dabei eine wichtige Rolle spielen zu können.
Diese Saison markiert eine Premiere: Ihr seid exklusiver technischer Partner und offizieller Sponsor der kommenden Kollektion des Berliner Designers nowrubi und stellt sämtliche Materialien dafür bereit. Was nehmt ihr aus dieser Erfahrung mit, und seht ihr künftig mehr solcher Kooperationen?
Wir schätzen Kooperationen sehr, bei denen unsere Materialien für kreative, sinnstiftende und zielgerichtete Projekte eingesetzt werden, die die Initiativen junger Unternehmer:innen unterstützen. Sie wollen wirklich etwas bewegen – und nowrubi ist dafür ein großartiges Beispiel, weil er starkes Design mit überzeugendem Storytelling verbindet und eine gesamte Kollektion ausschließlich aus unseren Deadstock-Stoffen entwickelt. Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen. Neben nowrubi unterstützen wir auch weitere aufstrebende Marken wie UNVAIN, sample030 und ML Heart.
Bereits bei der letzten Berlin Fashion Week haben wir im Rahmen der Initiative Fashion x Craft des Fashion Council Germany das V-Collective unterstützt. All diese Projekte zeigen, dass Zirkularität möglich ist – eine spannende Geschichte nicht nur für Kund:innen, sondern auch für andere Marken.
Was macht Berlin zu einem interessanten Partner oder Kontext für eure Arbeit?
Die Berlin Fashion Week schafft etwas Neues, mit Zirkularität, Verantwortung und Nachwuchstalenten im Zentrum. Ich schätze auch, wie zugänglich sie ist – mit zahlreichen Events, Aktivierungen und Ausstellungen für die Öffentlichkeit.
Für uns ist sie der ideale Ort, um Kooperationen zu vertiefen und Zirkularität greifbar zu machen – nicht nur als Konzept, sondern als etwas Bedeutungsvolles und Teilbares. Wir haben bereits andere Initiativen des Fashion Council Germany unterstützt, etwa die Kollektion Echoes of Tomorrow der Fashion x Craft Initiative, und setzen das fort.
Die Standards, die der Fashion Council Germany setzt, und die Art, wie Brands ihnen folgen – nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung – sind bemerkenswert. Ich hoffe und glaube, dass wir mehr davon sehen werden. Vielleicht wird die Berlin Fashion Week eines Tages die erste vollständig zirkuläre Fashion Week werden.
Welche Rolle kann Deadstock dabei spielen, aufstrebenden Designer:innen zu helfen, Kreativität und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen?
Es gibt eine Lücke zwischen dem, was aufstrebende Designer:innen in Bezug auf nachhaltige Produktion leisten können, und den Branchenstandards – und dessen sollte man sich bewusst sein, um langfristig Schritt zu halten.
Am Anfang geht es jedoch vor allem um die Relevanz des Produkts, die eigene Vision und Kreativität. Darauf sollten die Designer:innen sich konzentrieren – und Deadstock hilft ihnen dabei, indem es ihnen ermöglicht, sich auf das Wesentliche zu fokussieren.
Was wünschst du dir für die Zukunft der Modeindustrie?
Dass Zirkularität von den Endkund:innen verstanden, angenommen und wertgeschätzt wird. Große Luxusmarken haben die Macht, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu tragen und zu vermitteln, wie entscheidend es für die wirtschaftliche Entwicklung Europas ist – einer Region, die naturgemäß ressourcenarm ist.
Wir glauben, dass unsere Lösung diesen Marken helfen kann, ihre Geschichten besser zu kommunizieren, sodass Zirkularität hoffentlich bald zum Standard wird – und kein Nischenthema mehr ist.
AUTOR:IN
Sinah Griessler
ANSPRECHPARTNER:IN
Manuel Almeida Vergara
INFOS ANFRAGEN
press[at]fashion-council-germany.org
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